Portfolio für Studierende

Abb. 3 Studierende

Andrea Brait, Klaus Edel, Hanna-Maria Suschnig

In vielen universitären Ausbildungszweigen hat sich in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit vermehrt vom Lehren zum Lernen und von der Faktenvermittlung zur Unterstützung der Studierenden bei ihrer Kompetenzentwicklung verlagert. In der Folge hat sich Portfolioarbeit als eines der Modelle etabliert, das geeignet ist, individuelle Lernprozesse zu dokumentieren und darüber zu reflektieren.

Portfoliokonzepte entstehen aus der Praxis heraus, beziehen Einflüsse aus unterschiedlichen (reform-)pädagogischen und fachwissenschaft- lichen Strömungen und sind daher überaus vielfältig. Auf den folgenden Seiten werden einige wesentliche Merkmale, die sich in vielen Ausformungen von Portfolioarbeit dokumentieren, dargestellt.

 

Portfolio im Studienplan

Abb. 4 Mein Portfolio

Auf universitärer Ebene wird von Lehramtsstudierenden der Universität Wien das Anlegen eines studienbegleitenden Portfolios verlangt, das einige der eben genannten Kennzeichen in sich vereint. Der derzeitig gültige Studienplan für das Lehramtsstudium Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung der Universität Wien in der Fassung vom 26.2.2002 sieht unter § 4.2.6 folgendes vor:

"In allen Lehramtsfächern sind die Studierenden […] dazu anzuleiten, ein Portfolio über ihren Studiengang zu führen. Die Studierenden sollen von den einführenden Lehrveranstaltungen an in der Führung dieses Portfolios betreut werden. Dieses Portfolio dient den Studierenden als Nachweis des individuellen Studienverlaufs sowie zur Reflexion des eigenen Studienganges. Das Portfolio soll in knapper Form (3-10 Seiten) eine Zusammenschau der Studien des/der Studierenden enthalten, wobei eigene vertiefende und erweiterte Studien und Praktika im Rahmen des Faches durch Literaturangaben und Praxisberichte nachgewiesen werden sollen. Als Anhang ist eine Dokumentation von Arbeiten oder Teilen von Arbeiten, die während des Studiums entstanden sind, möglich, wobei auch multimediale Arbeiten einbezogen werden können. Das Portfolio wird dem/der jeweiligen Prüfer/in als Grundlage zur Vorbereitung der mündlichen 2. Diplomprüfung vorgelegt; auf dieses Portfolio muss sich die 2. Diplomprüfung beziehen.

Insbesondere während des ersten Studienabschnittes wird den Leitern und Leiterinnen von Lehrveranstaltungen nahegelegt, die Studierenden bei der Strukturierung und Gestaltung des Portfolios zu unterstützen."(1)

 

Kennzeichen und Qualitätskriterien

Abb. 5 Kennzeichen

  • Die Studierenden formulieren (nach Möglichkeit gemeinsam mit den sie betreuenden Lehrenden(1)) Ziele und Kriterien, die ihnen bei der Portfolioarbeit als Leitlinien dienen.
  • Die Studierenden wählen aus einer Vielzahl von Arbeiten je nach Anlass bzw. Zielgruppe jeweils diejenigen aus, die ihre besondere Expertise, ihre Leistungen und Talente gut belegen können. Indem die Studierenden die Auswahl ihrer Nachweise begründen, schaffen sie kritische Distanz zwischen sich selbst und den Dokumenten und somit Raum für Reflexion.
  • Portfolios bestehen immer aus Originalarbeiten sowie den jeweils zugeordneten Reflexionen der Studierenden, die ihre individuelle Zugangsweise sichtbar machen. Erst in der Zusammenschau zwischen Originalarbeiten und Reflexion wird die erbrachte Leistung ersichtlich.
  • Portfolios enthalten zusätzlich zu Belegen aus dem universitären Kontext Unterlagen, die die außeruniversitäre Auseinandersetzung und Kompetenzentwicklung mit dem Fachbereich oder im Hinblick auf die Berufsanforderungen dokumentieren.
  • Portfolios werden für eine interessierte Öffentlichkeit angelegt. Die Studierenden machen ihre Portfoliobeiträge der Rezeption und Diskussion durch Lehrende und Mitstudierende zugänglich. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen werden ebenso dokumentiert.
  • Rückschlüsse, die die Studierenden aus ihren Reflexionen über ihren Lernprozess und dem Feedback zu ihrem Portfolio ziehen, strukturieren die Weiterarbeit. Das Portfolio wird so zu einem Steuerungsinstrument für den persönlichen Bildungsweg.

 

Reflexion

Abb. 6 Reflexion über den Lernprozess

Portfolioarbeit ist eingebettet in das zirkuläre Modell der Didaktik (Ecker 22012) und bezieht daher wesentliche Impulse aus den Reflexionen, die die Studierenden in, vor, während und im Anschluss an bedeutsame Arbeiten durchführen. Reflexion ist die metakognitive Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernprozess, d.h. die Rückschau auf die erarbeiteten Inhalte und die jeweiligen methodischen Zugänge sowie deren Analyse. Reflexive Praxis kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn den Studierenden dafür Zeitfenster offen halten und die Ergebnisse zur Steuerung weiterer Lernschritte nutzen.

Die Studierenden verfassen zu jeder originalen Arbeit einen Begleittext, der ihre individuelle Herangehensweise an die Aufgabenstellung sichtbar macht, ihre Aussagen beziehen sich ganz konkret auf das dokumentierte Material und sind somit nachvollziehbar. Der Perspektivenwechsel, den eigenen Lernprozess allein, in Partner/innenarbeit, in Lerngruppen, mit der betreuenden Lehrperson oder im Kurs gewissermaßen von außen zu betrachten und die dabei gezogenen Rückschlüsse für die nächsten Lernschritte zu verbalisieren, hilft den Studierenden ihre individuelle Verortung in ihrer Kompetenzentwicklung zu erkennen; in der Zusammenschau der Erkenntnisse aller Beteiligten entsteht ein gemeinsam verhandeltes Qualitätsbewusstsein.

 

Erscheinungsformen von Portfolios

Abb. 7 Kursportfolio

Abb. 8 Präsentationsportfolio

Die Erscheinungsformen von Portfolios sind im tertiären Bereich äußerst vielfältig. Im Wesentlichen lassen sich zwei Großgruppen von Portfolios unterscheiden, die jedoch Schnittmengen aufweisen:

Arbeits- oder Prozessportfolio

Stellen einen direkten Bezug zwischen den durch Curricula vorgegebenen bzw. durch Lehrveranstaltungsleiter/innen gestellten Anforderungen und den individuellen Lösungswegen der Studierendenen her, indem sie den besonderen Lernprozess jeder/jedes Studierenden sichtbar machen. Dazu werden mehrere selbstständig vorangetriebene Lernprozesse dokumentiert, reflektiert, von den Lehrenden/und oder Studierenden kommentiert und eventuell auch (selbst) beurteilt.

Präsentations- oder Vorzeigeportfolio/ Show-Case-Portfolio

Wird das Portfolio als Leistungsdokumentation zusammengestellt, so spricht man von einem Prüfungsportfolio oder Präsentationsportfolio (Show-Case-Portfolio, Produktportfolio).Diese Form des Portfolios enthält die Belege, die die Studierenden für die spezifische Situation, in der sie das Portfolio benützen, als besonders aussagekräftig hinsichtlich ihrer erworbenen Qualifikationen erachten.

Das studienbegleitende Portfolio, das der Studienplan für Lehramtsstudierende der Universität Wien verpflichtend vorsieht (vgl. dazu: www.univie.ac.at/Geschichte/htdocs/upload/igh/File/s_313.pdf. Zugriff 1.Juli 2011), ist der Kategorie Prüfungsportfolio zuzuordnen. Ein reichhaltiges Arbeitsportfolio dient dafür als Materialbank, aus der die für die Prüfung relevanten Leistungsbeweise ausgewählt werden. Im Fall der Diplomprüfung als Abschluss des Lehramtsstudiums besteht das Portfolio demnach aus ausgewählten fachwissenschaftlichen Ausarbeitungen und Beispielen der fachdidaktischen Ausbildung, z.B. Fallstudien, Unterrichtsentwürfe, Videoaufzeichnungen von Schulauftritten etc.; diese dienen als exemplarische Nachweise der individuellen Kompetenzentwicklung.(1)

 

Bestandteile des Portfolios

Abb. 9 Bestandteile

  1. Deckblatt: Titel, Untertitel, Autor/in, Fach, Jahr
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Brief an die Leser/innen zur Klärung der inhaltlichen und methodischen Anforderungen
  4. Vorstellung der individuellen Schwerpunktsetzungen im Studium (3-10 Seiten)
  5. Dossierteil
  6. a. originale Arbeiten (direkte Leistungsvorlagen) incl. der jeweiligen inhaltlichen und formalen Vorgaben, Literaturliste

    b. zu jedem Beleg Selbstreflexion sowie Feedback von Peers und Lehrenden(1)

    c. Leistungsnachweise: Zeugnisse, Testergebnisse, Kursbesuchsbestätigungen, etc.

    d. Berichte zu Lernfortschrittsgesprächen, Selbsteinschätzungsbögen, etc.

    e. optional: Erstfassungen, Überarbeitungen, Notizen von Peer-Beratungen und Gesprächen mit der/dem Lehrenden, Protokolle, Lerntagebücher

  7. Nachwort: Rückblick, Selbstreflexion, Schlussfolgerungen, Vorschau auf die nächsten Lernschritte

 

Struktur des Portfolios im Lehramtsstudium Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung(1)

  1. Fachdidaktische Ausbildung
  2. Reflektiert werden soll nach jeder fachdidaktischen LV (STEOP-VO Einführung in das Lehramtsstudium, Grundkurs Fachdidaktik, VO und Kurs Politische Bildung, Kurs Neue Medien, Projektkurs Fachdidaktik) über die gewonnene Einsicht in die prozessorientierte Geschichtsdidaktik und das zirkuläre Modell, die Stärkung der (Selbst)Reflexion und der Teamfähigkeit ebenso, wie in die Fähigkeit zu einem kompetenzorientierten Unterricht in Geschichte, Sozialkunde und Politischer Bildung. Ein wesentlicher Punkt ist auch die Professionalisierung als zukünftige/r Geschichtelehrer/in. Materialien zum Unterricht, die jeweilige Planungsmatrix sowie Feedback von Schüler/innen, der Kursbetreuer/innen sowie der Kolleg/innen sollten ebenfalls enthalten sein.

  3. Fachwissenschaftliche Ausbildung
  4. Ziel ist es nach jeder fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltung zu reflektieren, wie sich das Arbeitswissen, der methodische Zugang zum Fach und die sozialen, historischen sowie politisch-bildenden Kompetenzen verändert haben. Besondere Berücksichtigung finden soll die Anwendbarkeit der erlernten Methoden und Inhalte für eine fachwissenschaftliche Auseinandersetzung einerseits und für eine fachdidaktische Aufbereitung einerseits. Die beiden Bereiche sind damit nicht als parallel laufende Ausbildungsteile zu verstehen, sondern als eng ineinander greifende Hilfestellungen zur Kompetenzorientierung. Die Reflexion darüber erfolgt unabhängig vom Lehrveranstaltungstyp und spiegelt die individuelle Einschätzung der Kompetenzerweiterung wider.

  5. Meilensteine in der Entwicklung der Einstellung zum Lehrberuf
  6. Die Meilensteine sind angeknüpft an die STEOP-VO Einführung, an den Grundkurs Fachdidaktik, den Kurs Neue Medien, die VO und den Kurs Politische Bildung sowie den Projektkurs. Reflektiert wird bei der Beschreibung von Meilensteinen, wie durch die Inhalte und Methoden dieser Lehrveranstaltungen die persönliche Einstellung zum Lehrberuf und das eigenen Rollenverständnis geprägt wird. Der Fokus ist hier insbesondere auf die Entwicklung der Kompetenzbereiche Vermittlung, Diagnostik und Reflexion gerichtet. Wenn an anderen Stationen im Bildungsweg, beispielsweise bei den im Rahmen der pädagogischen Ausbildung zu absolvierenden Praktika oder einer außeruniversitären Lehrtätigkeit in einer Summer School oder bei einem Schulschikurs entscheidende Impulse gesetzt wurden, können dazu ebenfalls Texte verfasst werden.

dgpb © Andrea Brait, Klaus Edel, Hanna-Maria Suschnig